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Transpersonale Psychologie: Grof, Wilber und Praxis

Transpersonale Psychologie ist die Richtung der Psychologie, die Erfahrungen jenseits des persönlichen Ichs untersucht: Gipfelerfahrungen, mystische Zustände, spirituelle Krisen, Nahtod- und außerkörperliche Erfahrungen. Sie versteht diese Zustände nicht als Störung, sondern als Teil eines gesunden menschlichen Entwicklungsspektrums. Begründet Ende der 1960er Jahre von Abraham Maslow, Stanislav Grof und anderen; im deutschsprachigen Raum trug die Deutsche Transpersonale Gesellschaft e.V. das Thema ab den 1990er Jahren unter genau dieser Adresse.

Redaktion transpersonal.de· Stand:

Redaktionell erstellt anhand offengelegter Quellen. Kein Ersatz für psychotherapeutischen oder ärztlichen Rat.

Woher der Begriff kommt

Das Wort „transpersonal” bedeutet „über das Persönliche hinaus”. Abraham Maslow, bekannt für seine Bedürfnispyramide, stellte in seinen späten Jahren fest, dass die humanistische Psychologie mit der Selbstverwirklichung nicht am Ende sei: Menschen berichteten von Gipfelerfahrungen (peak experiences), in denen das Ich vorübergehend zurücktritt. 1969 erschien die erste Ausgabe des Journal of Transpersonal Psychology, 1972 wurde die Association for Transpersonal Psychology gegründet. Die transpersonale Psychologie wird deshalb auch als „vierte Kraft” bezeichnet, nach Psychoanalyse, Behaviorismus und humanistischer Psychologie.

Europäische Vorläufer gab es: Roberto Assagioli entwarf ab den 1920er Jahren die Psychosynthese mit einem „höheren Selbst”, C. G. Jung beschrieb kollektive und archetypische Schichten des Unbewussten. Beide werden von der transpersonalen Psychologie als Wegbereiter beansprucht.

Stanislav Grof: Kartograf des Bewusstseins

Der tschechisch-amerikanische Psychiater Stanislav Grof (geboren 1931 in Prag) ist die prägende Figur des Fachs. Aus tausenden begleiteten LSD-Sitzungen in Prag und später am Maryland Psychiatric Research Center entwickelte er eine Landkarte des Unbewussten, die weit über Freud hinausgeht:

  • Biografische Ebene: die persönliche Lebensgeschichte, wie in der klassischen Psychotherapie.
  • Perinatale Ebene: Erfahrungen rund um die eigene Geburt, von Grof in vier „perinatalen Grundmatrizen” beschrieben.
  • Transpersonale Ebene: Erfahrungen, die Raum, Zeit und die Grenzen des Körpers überschreiten: Identifikation mit anderen Menschen, Tieren, mit der Natur, archetypische und mystische Erlebnisse.

Als LSD-Forschung in den 1970er Jahren verboten wurde, entwickelte Grof gemeinsam mit seiner Frau Christina das Holotrope Atmen, eine Methode, die ähnliche Bewusstseinszustände ohne Substanzen ermöglicht. Die beiden prägten außerdem den Begriff der spirituellen Krise (spiritual emergency): Zustände, die klinisch wie Psychosen aussehen können, aber als Transformationsprozesse verstanden und begleitet werden sollten.

Grof gab der DTG-Zeitschrift „Transpersonale Perspektiven” 1998 ein ausführliches Interview unter dem Titel „Die Welt ist perfekt”, das jahrelang auf dieser Domain stand und in der deutschen Wikipedia als Quelle zitiert wurde. Grofs zentrale Bücher liegen auf Deutsch vor: Topographie des Unbewussten, Geburt, Tod und Transzendenz, Die Psychologie der Zukunft und Das Abenteuer der Selbstentdeckung.

Holotropes Atmen: die bekannteste transpersonale Methode

Holotropes Atmen kombiniert beschleunigtes, vertieftes Atmen über zwei bis drei Stunden mit evokativer Musik, Körperarbeit und anschließendem Mandala-Malen. Die Sitzungen finden in Gruppen statt, jeweils zu zweit als „Atmender” und „Sitter”. Das Ziel ist kein Rausch, sondern der Zugang zu Material aus den perinatalen und transpersonalen Ebenen, das im Alltag verschlossen bleibt.

Wichtig zu wissen:

  • Holotropes Atmen ist körperlich fordernd. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft, Epilepsie, Glaukom und akute psychische Erkrankungen gelten als Ausschlusskriterien.
  • Zertifizierte Facilitators durchlaufen eine mehrjährige Ausbildung bei Grof Transpersonal Training (GTT) oder Grof Legacy Training.
  • Die Methode ist nicht dasselbe wie moderne Breathwork-Angebote aus dem Fitness- und Coachingbereich, auch wenn diese oft auf Grof verweisen. Den Überblick über alle Atemmethoden gibt der Bereich Atemarbeit.

Ken Wilber und die integrale Perspektive

Der amerikanische Philosoph Ken Wilber (geboren 1949) führte die transpersonale Psychologie in den 1980er und 1990er Jahren zur integralen Theorie weiter. Sein Spektrum des Bewusstseins ordnet die Entwicklungsstufen des Menschen von vorpersonal (Kindheit) über personal (Ich-Bildung) bis transpersonal (spirituelle Reifung). Wilbers „Prä/Trans-Verwechslung” warnt davor, regressive Zustände mit echten transpersonalen Erfahrungen zu verwechseln, ein Einwand, der auch viele esoterische Angebote trifft.

Mit dem AQAL-Modell („all quadrants, all levels”) verbindet Wilber Innen- und Außenperspektive, Individuum und Kollektiv. Daraus entstanden die integrale Psychotherapie, integrale Ansätze in Wirtschaft und Politik und das Modell der Spiral Dynamics nach Clare Graves, Don Beck und Christopher Cowan.

In Deutschland formierte sich um 2000 eine integrale Bewegung mit eigener Unterseite auf dieser Domain (integral.transpersonal.de), die international im Netzwerk von Integral World gelistet war. Aus dieser Zeit stammt auch Maik Hosangs Buch „Der integrale Mensch. Homo sapiens integralis” (Hinder + Deelmann, 1999), das die DTG in ihrer Buchbesprechungs-Reihe vorstellte: Hosang, Soziologe und Philosoph aus Sachsen, entwirft darin das Bild eines Menschen, der Wissenschaft, Kunst, Ökologie und Spiritualität nicht mehr als getrennte Sphären erlebt. Das Buch gilt als früher deutscher Beitrag zur integralen Diskussion neben den Übersetzungen Wilbers.

Außerkörperliche und Nahtod-Erfahrungen

Ein Teil des transpersonalen Erfahrungsspektrums sind Berichte, in denen Menschen sich außerhalb ihres Körpers erleben, sei es spontan, in Meditation, unter Narkose oder in Todesnähe. Marco Bischof argumentierte in seinem Essay „Unsere Seele kann fliegen. Außerkörperlichkeit als neues Paradigma” (Transpersonale Perspektiven, Band 6, 2000), dass diese Berichte nicht als Halluzination abgetan, sondern als Herausforderung für unser Bild von Bewusstsein und Körper ernst genommen werden sollten.

Die Nahtodforschung (Raymond Moody, Kenneth Ring, Pim van Lommel, Bruce Greyson) beschreibt seit den 1970er Jahren wiederkehrende Elemente: Tunnel, Licht, Lebensrückblick, Begegnungen, ein Gefühl von Frieden. Ob diese Erfahrungen auf neurophysiologische Prozesse zurückgehen oder auf ein vom Gehirn unabhängiges Bewusstsein hindeuten, ist offen. Die transpersonale Psychologie hält beide Lesarten im Gespräch, statt eine vorab auszuschließen. Alle Erfahrungsformen dieser Art sind im Bereich Grenzerfahrungen versammelt.

Transpersonale Psychotherapie und Ausbildung

Transpersonale Psychotherapie ist in Deutschland kein Richtlinienverfahren; sie wird von approbierten Psychotherapeutinnen und Therapeuten, Heilpraktikern für Psychotherapie und Coaches als Ergänzung zu ihrem Grundverfahren angeboten. Typische Elemente sind Meditation und Achtsamkeit, Atemarbeit, Imagination, Traumarbeit, Körperarbeit und die Begleitung spiritueller Krisen.

Anlaufstellen im deutschsprachigen Raum:

  • Deutsches Kollegium für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie (DKTP) mit Weiterbildungscurriculum
  • European Transpersonal Association (EUROTAS) als Dachverband
  • Grof Legacy Training und zertifizierte Holotropic-Breathwork-Facilitators für Atemarbeit
  • Universitäre Anknüpfungspunkte: Lehrstühle für Religionspsychologie und Bewusstseinsforschung, etwa in Freiburg (IGPP) und Bern

Wer eine Begleitung sucht, sollte auf die Grundqualifikation achten (Approbation, Heilpraktiker Psychotherapie, anerkannte Ausbildung) und bei akuten Krisen zuerst ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Die Ausbildungswege im Detail: Transpersonale Psychologie: Ausbildung.

Retreats, Seminare, Bücher

Transpersonale Arbeit findet oft in Seminarhäusern statt: Holotropes Atmen an Wochenenden, Schweigeretreats, Vipassana-Kurse, integrale Sommerakademien. Einen Überblick gibt der Bereich Retreats und Ausbildung, die kommentierte Leseliste steht unter Bücher. Die frühere Zeitschrift „Transpersonale Perspektiven” und der DTG-Shop existieren nicht mehr; antiquarische Ausgaben finden sich gelegentlich über ZVAB und Booklooker.

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Häufige Fragen

Ist transpersonale Psychologie eine anerkannte Wissenschaft?

Sie ist ein Teilgebiet der Psychologie mit eigenen Fachzeitschriften, Verbänden und universitären Anknüpfungspunkten (etwa Religionspsychologie, Bewusstseinsforschung), aber kein Richtlinienverfahren der Psychotherapie und in der akademischen Mainstream-Psychologie umstritten. Kritiker bemängeln die Nähe zu religiösen Deutungen, Befürworter die Ausblendung eines ganzen Erfahrungsbereichs durch die übrige Psychologie.

Was ist der Unterschied zwischen transpersonal und spirituell?

Spiritualität bezeichnet eine Haltung oder Praxis. Transpersonale Psychologie ist der Versuch, die Erfahrungen, die daraus hervorgehen, mit psychologischen Mitteln zu beschreiben, einzuordnen und therapeutisch zu begleiten, ohne sich auf eine bestimmte Religion festzulegen.

Wo kann ich transpersonale Psychotherapie machen?

Bei approbierten Psychotherapeutinnen und Therapeuten oder Heilpraktikern für Psychotherapie mit entsprechender Weiterbildung, etwa nach dem Curriculum des DKTP. Eine Liste führt der Verband selbst. Akute Krisen gehören zuerst in ärztliche oder psychotherapeutische Regelversorgung.

Was war die Deutsche Transpersonale Gesellschaft?

Ein Berliner Verein, der von den 1990er Jahren bis etwa 2006 die Zeitschrift „Transpersonale Perspektiven“ herausgab und unter transpersonal.de eine Website mit Artikeln, Buchbesprechungen und Veranstaltungshinweisen betrieb. Das heutige Portal ist unabhängig davon.

Quellen

  • Walsh, Roger; Vaughan, Frances (Hg.): Psychologie in der Wende. Grundlagen, Methoden und Ziele der Transpersonalen Psychologie. Scherz, Bern 1985.
  • Grof, Stanislav: Die Psychologie der Zukunft. Erfahrungen der modernen Bewusstseinsforschung. Rowohlt, Reinbek 2002.
  • Wilber, Ken: Integrale Psychologie. Arbor, Freiamt 2001.
  • Hosang, Maik: Der integrale Mensch. Homo sapiens integralis. Hinder + Deelmann, Gladenbach 1999.
  • Bischof, Marco: Unsere Seele kann fliegen. Außerkörperlichkeit als neues Paradigma. Transpersonale Perspektiven 6 (2000), S. 5-11.
  • Journal of Transpersonal Psychology, Jahrgänge ab 1969; Association for Transpersonal Psychology.

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