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Nahtoderfahrung: Berichte, Forschung und Erklärungsansätze

Eine Nahtoderfahrung ist ein Erlebnis, von dem Menschen berichten, die klinisch tot waren oder dem Tod sehr nahe kamen: das Gefühl, den Körper zu verlassen, ein Tunnel, ein Licht, ein Lebensrückblick, Begegnungen mit Verstorbenen, tiefer Frieden, gelegentlich auch Angst. Etwa 10 bis 20 Prozent der Menschen, die einen Herzstillstand überleben, berichten davon. Was die Forschung seit 1975 herausgefunden hat, welche Erklärungen es gibt und was die Erfahrung mit Betroffenen macht.

Redaktion transpersonal.de· Stand:

Redaktionell erstellt anhand offengelegter Quellen. Kein Ersatz für psychotherapeutischen oder ärztlichen Rat.

Was berichtet wird

Raymond Moody prägte den Begriff 1975 in „Life after Life” auf Basis von 150 Interviews. Bruce Greyson entwickelte 1983 eine Skala mit 16 Merkmalen, die seither in der Forschung Standard ist. Zu den häufigsten Elementen gehören:

  • Ein Gefühl von Frieden und Schmerzfreiheit
  • Das Erleben, den Körper zu verlassen und die Szene von oben zu sehen (außerkörperliche Erfahrung)
  • Bewegung durch einen dunklen Raum oder Tunnel auf ein Licht zu
  • Begegnung mit Verstorbenen oder einer Lichtgestalt
  • Ein Lebensrückblick, oft mit dem Erleben der eigenen Taten aus der Sicht anderer
  • Eine Grenze, die nicht überschritten werden darf oder soll
  • Die Rückkehr, häufig unfreiwillig

Nicht jede Erfahrung enthält alle Elemente. Greysons Skala zählt ab sieben Punkten als Nahtoderfahrung.

Was die Forschung weiß

Die Lancet-Studie (2001). Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel befragte 344 Patienten nach überlebtem Herzstillstand prospektiv, also unabhängig davon, ob sie sich meldeten. 62 berichteten eine Nahtoderfahrung. Weder Dauer des Herzstillstands noch Medikamente noch Todesangst sagten voraus, wer eine hatte. Van Lommel schloss daraus, dass die gängigen physiologischen Erklärungen nicht ausreichen, und vertritt seither die These eines vom Gehirn unabhängigen Bewusstseins. Das ist seine Interpretation, nicht das Ergebnis der Studie.

AWARE und AWARE II (2014, 2023). Sam Parnia versuchte, außerkörperliche Wahrnehmungen zu prüfen, indem er in Reanimationsräumen Bilder anbrachte, die nur von der Decke aus sichtbar waren. Kein Patient hat je ein Bild beschrieben. AWARE II fand bei einigen Reanimierten EEG-Aktivität bis zu einer Stunde nach Herzstillstand, was zeigt, dass das Gehirn länger aktiv bleibt als angenommen.

Das sterbende Gehirn (2023). Jimo Borjigin dokumentierte bei sterbenden Komapatienten nach Abschalten der Beatmung einen Anstieg von Gamma-Oszillationen in Hirnregionen, die mit Bewusstsein und Erinnerung verbunden sind. Ein möglicher neurophysiologischer Mechanismus für Lebensrückblick und Lichterfahrung.

Erklärungsansätze

Ansatz Kernidee Stärke Schwäche
Sauerstoffmangel / CO2 Hypoxie erzeugt Tunnelsehen, Euphorie Passt zu Piloten in Zentrifugen Erklärt nicht Erfahrungen ohne Hypoxie
Temporallappen Stimulation erzeugt Außerkörperlichkeit, Erinnerungen Experimentell reproduzierbar Erzeugt Fragmente, nicht die ganze Erfahrung
Endorphine, Ketamin-ähnliche Stoffe Körpereigene Stoffe erzeugen Frieden, Dissoziation Ketamin erzeugt ähnliche Zustände Kein Nachweis der Ausschüttung bei Herzstillstand
REM-Intrusion Traumzustand bricht ins Wachen ein Betroffene haben häufiger REM-Intrusionen Korrelation, keine Ursache
Nicht-lokales Bewusstsein Bewusstsein ist nicht auf das Gehirn beschränkt Erklärt verifizierte Wahrnehmungen, falls es sie gibt Keine verifizierte Wahrnehmung dokumentiert

Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Die neurophysiologischen Erklärungen erklären Teile, keine die ganze Erfahrung. Die metaphysische Erklärung erklärt alles und ist deshalb nicht prüfbar. Die transpersonale Psychologie lässt diese Frage offen und konzentriert sich auf das, was prüfbar ist: die Wirkung.

Was die Erfahrung mit Menschen macht

Bruce Greyson verfolgte an der University of Virginia Betroffene über Jahrzehnte. Die Nachwirkungen sind stabil und kulturübergreifend: Verlust der Todesangst, gesteigertes Interesse an Sinnfragen, weniger Materialismus, mehr Empathie, oft ein Berufswechsel in helfende Tätigkeiten. Nicht alles ist positiv: Beziehungen zerbrechen, wenn der Partner die Veränderung nicht mitträgt. Manche Betroffene brauchen Jahre, um über die Erfahrung zu sprechen, aus Angst, für verrückt gehalten zu werden. Wird die Integration zur Überforderung, spricht man von einer spirituellen Krise.

Wenn Sie selbst betroffen sind

Sie sind nicht allein: In Deutschland gibt es das Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. mit regionalen Gesprächskreisen, international die IANDS. Sie müssen die Erfahrung nicht deuten, um mit ihr zu leben. Und Sie dürfen sie ernst nehmen, ohne daraus eine Weltanschauung zu machen. Weitere Erfahrungsformen dieser Art unter Grenzerfahrungen.

Häufige Fragen

Wie häufig sind Nahtoderfahrungen?

In der prospektiven Lancet-Studie von Pim van Lommel (2001) berichteten 18 Prozent von 344 Herzstillstand-Überlebenden eine Nahtoderfahrung, 12 Prozent eine „tiefe“. In Bevölkerungsumfragen geben 4 bis 5 Prozent aller Menschen an, eine gehabt zu haben, oft ohne echte Todesnähe.

Sind Nahtoderfahrungen kulturabhängig?

Die Grundelemente (Frieden, Licht, Loslösung vom Körper) tauchen kulturübergreifend auf, die Ausgestaltung nicht: Wen man trifft, was das Licht ist und ob es einen Tunnel gibt, hängt von Herkunft und Weltbild ab. Indische Berichte enthalten häufiger Boten, die einen „Irrtum“ feststellen und zurückschicken.

Gibt es negative Nahtoderfahrungen?

Ja, in etwa 10 bis 15 Prozent der Fälle: Leere, Angst, Bedrohung, das Gefühl, gerichtet zu werden. Sie werden seltener berichtet, vermutlich aus Scham. Für Betroffene sind sie oft belastender als die positiven Varianten und brauchen Begleitung.

Quellen

  • van Lommel, Pim et al.: Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. The Lancet 358 (2001), S. 2039-2045.
  • Greyson, Bruce: The Near-Death Experience Scale. Journal of Nervous and Mental Disease 171 (1983).
  • Parnia, Sam et al.: AWARE II: Awareness during resuscitation. Resuscitation 191 (2023).
  • Moody, Raymond: Leben nach dem Tod. Rowohlt, Reinbek 1977 (Original 1975).
  • Borjigin, Jimo et al.: Surge of neurophysiological coupling and connectivity of gamma oscillations in the dying human brain. PNAS 120 (2023).

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