Zum Inhalt springen
transpersonal.de

Breathwork: Was dahintersteckt und welche Methode zu wem passt

Breathwork ist der Sammelbegriff, unter dem seit etwa 2015 intensive Atemtechniken in Studios, Apps und Retreats vermarktet werden: Conscious Connected Breathing, Rebirthing, die Wim-Hof-Methode, „Transformational Breath“, SOMA und viele Eigenkreationen. Gemeinsam ist ihnen schnelles, verbundenes Atmen über 20 bis 60 Minuten mit dem Ziel, Stress abzubauen oder Emotionen zu lösen. Was die Methoden unterscheidet, was die Forschung hergibt und wie man Angebote bewertet.

Redaktion transpersonal.de· Stand:

Redaktionell erstellt anhand offengelegter Quellen. Kein Ersatz für psychotherapeutischen oder ärztlichen Rat.

Was unter Breathwork läuft

Der Begriff ist im Englischen älter, wurde aber erst mit James Nestors Bestseller „Breath” (2020), der Wim-Hof-Welle und dem Instagram-Format der geführten Atemsession zum Marktbegriff. Darunter versammeln sich Methoden mit sehr verschiedener Herkunft:

Methode Herkunft Muster Dauer
Conscious Connected Breathing Rebirthing (Leonard Orr, 1970er), Clarity Breathwork Verbundenes Atmen ohne Pause, meist durch den Mund 45 bis 90 min
Wim-Hof-Methode Wim Hof, 2010er 30 bis 40 tiefe Atemzüge, dann Atemanhalten nach dem Ausatmen, mehrere Runden, oft mit Kältereiz 15 bis 30 min
Transformational Breath Judith Kravitz, 1980er Verbundenes Bauchatmen mit Akupressur und Affirmationen 60 min
SOMA Breath Niraj Naik, 2010er Rhythmisches Atmen zu Musik, Atempausen, Meditation 30 bis 60 min
Kundalini-/Pranayama-Formen Yoga Feueratem, Wechselatmung, verlängertes Ausatmen 5 bis 30 min
Regulierendes Atmen Physiologie, HRV-Forschung 4-7-8, Boxatmung, 6 Atemzüge pro Minute 5 bis 20 min

Die ersten vier arbeiten mit Hyperventilation und emotionaler Aktivierung, die letzten zwei mit Beruhigung. Beides heißt Breathwork, beides wirkt entgegengesetzt.

Was die Forschung hergibt

Für regulierende Techniken ist die Evidenz solide. Eine Stanford-Studie von 2023 (Balban et al.) verglich drei Atemtechniken mit Achtsamkeitsmeditation über einen Monat: Fünf Minuten täglich zyklisches Seufzen (doppeltes Einatmen, langes Ausatmen) verbesserte Stimmung und senkte Atemfrequenz stärker als Meditation. Sechs Atemzüge pro Minute erhöhen die Herzratenvariabilität, ein Marker für Stressresistenz.

Für intensive Techniken ist die Lage dünner. Die Metaanalyse von Fincham und Kollegen (2023) fasst zwölf randomisierte Studien zu verschiedenen Breathwork-Formen zusammen und findet kleine bis moderate Effekte auf Stress, Angst und depressive Symptome, bei geringer Studienqualität und hoher Heterogenität. Für die Wim-Hof-Methode zeigte eine Studie aus Nijmegen (Kox et al., 2014), dass Trainierte ihre Entzündungsreaktion auf ein Endotoxin dämpfen konnten, ein physiologischer Befund, kein klinischer.

Was fehlt: Studien zu Langzeiteffekten, zu Nebenwirkungen, zu der Frage, wer von intensivem Atmen profitiert und wem es schadet.

Risiken

Intensives Atmen senkt den Kohlendioxidspiegel, verengt die Hirngefäße und kann zu kurzer Bewusstlosigkeit führen. In Kombination mit Wasser (Atemanhalten im Pool, Eisbad) sind Todesfälle dokumentiert. Emotional kann eine Session Material öffnen, das nicht in einer Stunde geschlossen wird. Die Ausschlusskriterien entsprechen denen des Holotropen Atmens: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft, Epilepsie, Glaukom, akute psychische Erkrankungen. Wer sie nicht abfragt, arbeitet fahrlässig.

Angebote bewerten

  • Welche Methode genau? „Breathwork” sagt nichts. Fragen Sie nach Herkunft und Ausbildung der Leitung.
  • Wie lang ist die Ausbildung? Wochenendzertifikate gibt es viele. Seriöse Programme dauern mindestens ein Jahr mit Supervision.
  • Gibt es Vorgespräch und Nachbereitung? Eine Session ohne beides ist Konsum, keine Arbeit.
  • Werden Ausschlusskriterien abgefragt? Wenn nicht, gehen Sie.
  • Was wird versprochen? „Reset”, „Trauma lösen”, „Erwachen”: Je größer das Wort, desto kleiner die Kompetenz.
  • Gruppengröße. Online-Sessions mit 200 Teilnehmenden können niemanden auffangen.

Einordnung

Breathwork hat die Atemarbeit aus der Nische geholt und vielen Menschen einen ersten Zugang gegeben. Das ist ein Verdienst. Der Preis ist die Beliebigkeit: Unter demselben Wort laufen Fünf-Minuten-Entspannung und zweistündige emotionale Entladung. Wer mehr will als eine Session, ist beim Holotropen Atmen mit seinem Ausbildungsstandard oder in der klassischen Atemtherapie besser aufgehoben. Der Überblick über alle Methoden: Atemarbeit.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Breathwork und Holotropem Atmen?

Holotropes Atmen ist eine definierte Methode mit geschütztem Namen, 600-Stunden-Ausbildung, Sitter-System und zwei bis drei Stunden Dauer. Breathwork ist ein Oberbegriff ohne Standard: Sitzungen dauern 20 bis 90 Minuten, die Ausbildung reicht von Wochenendkursen bis zu mehrjährigen Programmen.

Kann Breathwork Trauma heilen?

Intensives Atmen kann traumabezogene Erinnerungen und Emotionen aktivieren. Ob das heilt oder retraumatisiert, hängt von Begleitung und Integration ab. Ein Versprechen, Trauma „in einer Session“ aufzulösen, ist unseriös.

Wie oft kann man Breathwork machen?

Sanfte Techniken täglich. Intensive Sessions mit Hyperventilation nicht öfter als ein- bis zweimal pro Woche, mit Tagen zur Integration dazwischen. Wer täglich intensiv atmet, sollte das mit einer erfahrenen Begleitung besprechen.

Quellen

  • Fincham, Guy W. et al.: Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials. Scientific Reports 13 (2023).
  • Nestor, James: Breath. Atem. Piper, München 2021.
  • Kox, Matthijs et al.: Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans. PNAS 111 (2014).
  • Balban, Melis Yilmaz et al.: Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine 4 (2023).

Weiter in „Atemarbeit“

Verwandte Themen

  • Transpersonale Psychologie – Die vierte Kraft der Psychologie: Erfahrungen jenseits des Ichs, ihre Begründer und was daraus in Therapie und Alltag geworden ist.
  • Retreats und Ausbildung – Wo man transpersonale Praxis lernt und vertieft: Meditationsretreats, Schweigekurse, Vipassana und die Ausbildungswege im deutschsprachigen Raum.
  • Grenzerfahrungen – Nahtod, außerkörperliche Erfahrung, Transzendenz und Bewusstseinserweiterung: was Betroffene berichten und was die Forschung dazu sagt.
  • Zur Startseite