Transzendenz: Bedeutung in Philosophie, Religion und Psychologie
Transzendenz bezeichnet das Überschreiten einer Grenze: in der Philosophie die Grenze der Erfahrung, in der Religion die Grenze der Welt, in der Psychologie die Grenze des Ichs. Das Wort kommt vom lateinischen transcendere, „hinübersteigen“, und ist eines der meistgesuchten Begriffe der Bewusstseinsforschung, weil es drei verschiedene Dinge meint, die oft verwechselt werden. Was Transzendenz in Philosophie, Religion und Psychologie bedeutet und was transzendente Erfahrungen sind.
Redaktion transpersonal.de· Stand:
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Drei Bedeutungen
Philosophisch. Bei Kant ist „transzendent” das, was jenseits möglicher Erfahrung liegt und deshalb nicht erkannt werden kann: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Davon unterscheidet er „transzendental”: die Bedingungen, die Erfahrung überhaupt möglich machen (Raum, Zeit, Kategorien). Karl Jaspers macht Transzendenz zum Zentrum seiner Existenzphilosophie: das Umgreifende, das der Mensch in Grenzsituationen (Tod, Leiden, Schuld) berührt, ohne es fassen zu können.
Religiös. Transzendenz bezeichnet Gott oder das Absolute als etwas, das über die Welt hinausgeht und nicht mit ihr identisch ist. Monotheistische Religionen betonen die Transzendenz Gottes, mystische Traditionen innerhalb derselben Religionen betonen die Immanenz: Gott in allem. Buddhismus und Advaita Vedanta sprechen von Transzendenz als Überschreiten der Dualität, nicht als Gegenüber.
Psychologisch. Hier bedeutet Transzendenz das Überschreiten des Ichs, seiner Grenzen und Bedürfnisse. Abraham Maslow setzte in seinen letzten Jahren „Selbsttranszendenz” über die Selbstverwirklichung an die Spitze seiner Bedürfnispyramide, ein Schritt, der die transpersonale Psychologie begründete. Viktor Frankl sah Selbsttranszendenz als Wesen des Menschen: Sinn findet, wer sich auf etwas außerhalb seiner selbst richtet.
Die transzendente Erfahrung
Der Philosoph Walter Stace legte 1960 eine Liste von Merkmalen vor, die mystische Erfahrungen über Kulturen hinweg teilen. Sie ist bis heute Grundlage der Forschung und des „Mystical Experience Questionnaire”, der in Psilocybin-Studien verwendet wird:
- Einheit: Die Trennung zwischen Ich und Welt verschwindet.
- Transzendenz von Raum und Zeit: Die Erfahrung ist zeitlos und ortlos.
- Noetische Qualität: Ein Gefühl tiefer Gewissheit, etwas Wahres zu erkennen.
- Heiligkeit: Ehrfurcht, das Erleben von Bedeutung.
- Positive Stimmung: Frieden, Freude, Liebe.
- Unsagbarkeit: Die Erfahrung lässt sich nicht angemessen in Worte fassen.
Roland Griffiths zeigte 2006 an der Johns Hopkins University, dass Psilocybin bei zwei Dritteln der Teilnehmenden eine Erfahrung auslöst, die diese Kriterien voll erfüllt, und dass die Teilnehmenden sie 14 Monate später zu den bedeutsamsten Erfahrungen ihres Lebens zählen. Dieselben Merkmale berichten Meditierende nach langen Retreats, Menschen in Nahtoderfahrungen und Menschen ohne jeden Auslöser.
Wie häufig
Bevölkerungsumfragen in den USA, Großbritannien und Deutschland ergeben seit den 1970er Jahren stabil, dass 30 bis 40 Prozent der Befragten mindestens einmal eine Erfahrung hatten, die sie als „Gefühl der Nähe zu einer mächtigen spirituellen Kraft” oder als Einheitserfahrung beschreiben. Die Zahlen sind unabhängig von Religiosität. Die meisten dieser Menschen sprechen nie mit jemandem darüber.
Was sie bewirkt
Die Forschung von David Yaden und Andrew Newberg fasst zusammen, was nach transzendenten Erfahrungen berichtet wird: geringere Todesangst, mehr Verbundenheit, weniger Selbstbezogenheit, höhere Lebenszufriedenheit, gelegentlich auch Entfremdung von der bisherigen Umgebung. In der Psychedelika-Therapie ist die Intensität der mystischen Erfahrung der beste Prädiktor für den Behandlungserfolg bei Depression und Sucht, ein Befund, der die alte Frage neu stellt, ob die Erfahrung selbst heilt oder das, was sie auslöst.
Transzendenz und ihre Fälschungen
Ken Wilber hat mit der Prä/Trans-Verwechslung darauf hingewiesen, dass nicht jede Auflösung des Ichs Transzendenz ist. Regression, Dissoziation und manche psychotischen Zustände sehen ähnlich aus und sind das Gegenteil. Der Unterschied zeigt sich nicht in der Erfahrung, sondern danach: Transzendenz macht handlungsfähiger, Regression weniger. Wer sich in einer Erfahrung verliert und nicht zurückfindet, braucht keine Deutung, sondern Begleitung; siehe Spirituelle Krise. Die übrigen Erfahrungsformen: Grenzerfahrungen.
Häufige Fragen
Was ist das Gegenteil von Transzendenz?
Immanenz: das, was innerhalb der Welt, der Erfahrung oder des Bewusstseins liegt. Die Spannung zwischen beiden ist ein Grundthema der Philosophie seit Platon.
Ist Transzendenz dasselbe wie Spiritualität?
Nein. Spiritualität ist eine Praxis oder Haltung; Transzendenz ist ein Begriff für das, worauf diese Praxis zielt, oder für die Erfahrung, die sie auslöst. Man kann Transzendenz philosophisch denken, ohne spirituell zu sein.
Was ist eine transzendente Erfahrung?
Eine Erfahrung, in der die gewohnten Grenzen des Ichs (Körper, Zeit, Trennung von anderen) vorübergehend aufgehoben scheinen. Typische Merkmale nach Walter Stace: Einheit, Zeitlosigkeit, Gewissheit, Unsagbarkeit, positive Stimmung, Ehrfurcht. Sie tritt in Meditation, Natur, Musik, unter Psychedelika oder ohne Anlass auf.
Quellen
- Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft (1781), Einleitung und transzendentale Dialektik.
- Jaspers, Karl: Philosophie, Band 3: Metaphysik. Springer, Berlin 1932.
- Stace, Walter T.: Mysticism and Philosophy. Macmillan, London 1960.
- Griffiths, Roland et al.: Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning. Psychopharmacology 187 (2006).
- Yaden, David; Newberg, Andrew: The Varieties of Spiritual Experience. Oxford University Press 2022.
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