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Atemarbeit: Holotropes Atmen, Breathwork und Atemtherapie

Atemarbeit ist der Sammelbegriff für Methoden, die den Atem gezielt verändern, um Körper, Emotionen oder Bewusstseinszustände zu beeinflussen. Das Spektrum reicht vom klinisch begleiteten Holotropen Atmen nach Stanislav Grof über die Atemtherapie nach Middendorf bis zu den Breathwork-Sessions, die seit einigen Jahren Studios und Apps füllen. Was die Methoden unterscheidet, wo sie wirken und wo Vorsicht geboten ist.

Redaktion transpersonal.de· Stand:

Redaktionell erstellt anhand offengelegter Quellen. Kein Ersatz für psychotherapeutischen oder ärztlichen Rat.

Drei Familien von Atemmethoden

Wer heute nach „Atemarbeit” sucht, findet drei Dinge, die wenig miteinander zu tun haben, obwohl sie denselben Namen tragen:

Familie Herkunft Ziel Setting
Holotropes Atmen Stanislav und Christina Grof, 1970er Jahre Zugang zu nicht-alltäglichen Bewusstseinszuständen, Selbsterforschung Gruppe, 2 bis 3 Stunden, zertifizierte Facilitators
Atemtherapie Ilse Middendorf, Ludwig Schmitt, Physiotherapie Regulation, Beschwerdelinderung, Körperwahrnehmung Einzel- oder Kleingruppe, wöchentlich, Heilpraktiker/Physiotherapie
Breathwork Rebirthing (Leonard Orr), Wim Hof, Coaching-Szene, ab 2015 Stressabbau, emotionale Entladung, „Reset” Studio, Online, Retreat; 30 bis 90 Minuten; keine einheitliche Ausbildung

Die Verwechslung ist nicht harmlos. Wer nach einer Breathwork-Session mit starker emotionaler Reaktion im Netz nach „Atemtherapie” sucht, landet bei einem völlig anderen Angebot. Und wer eine Atemtherapie gegen Asthma braucht, ist bei einem Breathwork-Coach falsch.

Was beim beschleunigten Atmen im Körper passiert

Die intensiven Methoden (Holotropes Atmen, Rebirthing, die meisten Breathwork-Formate) arbeiten mit schnellerem und tieferem Atmen über längere Zeit. Physiologisch bedeutet das Hyperventilation: Der Kohlendioxidgehalt im Blut sinkt, der pH-Wert steigt, Blutgefäße im Gehirn verengen sich. Die Folgen sind vorhersehbar:

  • Kribbeln in Händen, Füßen und um den Mund
  • Muskelverkrampfungen, besonders der Hände („Pfötchenstellung”)
  • Schwindel, Benommenheit, veränderte Wahrnehmung
  • starke emotionale Reaktionen, Weinen, Lachen, Erinnerungen

Die transpersonale Deutung sagt: Genau dieser Zustand öffnet das Tor zu Material, das im Alltag verschlossen bleibt. Die physiologische Deutung sagt: Das ist die normale Reaktion eines Gehirns auf Sauerstoff-Kohlendioxid-Verschiebung. Beide Beschreibungen schließen sich nicht aus. Entscheidend für die Sicherheit ist, dass jemand anwesend ist, der den Prozess kennt und weiß, wann er zu unterbrechen ist.

Was die Forschung hergibt

Für langsame, regulierende Atemtechniken (Verlängerung der Ausatmung, sechs Atemzüge pro Minute, Boxatmung) ist die Lage gut: Metaanalysen zeigen moderate Effekte auf Stress, Angst und Blutdruck. Die Mechanismen laufen über den Vagusnerv und die Herzratenvariabilität.

Für intensive Methoden ist die Studienlage dünner. Es gibt Fallserien und kleine kontrollierte Studien zum Holotropen Atmen mit positiven Effekten auf Selbstwahrnehmung und Temperamentsmaße, aber keine großen randomisierten Studien. Breathwork im engeren Sinn ist zu heterogen, um als Methode untersucht zu werden; die 2023 erschienene Metaanalyse von Fincham und Kollegen fasst 12 Studien zusammen und findet kleine bis moderate Effekte auf Stress bei insgesamt geringer Studienqualität.

Woran man einen seriösen Anbieter erkennt

  1. Ausbildung nachweisbar. Holotropes Atmen: Zertifikat von Grof Transpersonal Training oder Grof Legacy Training. Atemtherapie: Ausbildung nach Middendorf, AFA oder als Physiotherapeut mit Zusatzqualifikation. Breathwork: mindestens eine mehrjährige Ausbildung mit Supervision.
  2. Ausschlusskriterien werden abgefragt. Wer nicht nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, Schwangerschaft, Psychosen oder Medikamenten fragt, hat die Risiken nicht verstanden.
  3. Betreuungsschlüssel. Bei intensiven Formaten arbeitet man zu zweit (Atmender und Sitter) oder mit mindestens einer Assistenz pro sechs bis acht Teilnehmende.
  4. Integration. Eine Sitzung endet nicht mit dem letzten Atemzug. Nachgespräch, Malen, Körperarbeit oder ein Integrationstermin gehören dazu.
  5. Keine Heilsversprechen. „Trauma in einer Session auflösen” ist kein Versprechen, das ein seriöser Anbieter macht.

Wo Atemarbeit in der transpersonalen Psychologie steht

Das Holotrope Atmen ist die einzige Methode der transpersonalen Psychologie, die den Weg in eine breite Praxis gefunden hat. Sie ist mit Grofs Landkarte des Unbewussten verknüpft: Was in einer Sitzung auftaucht, wird als biografisches, perinatales oder transpersonales Material verstanden. Atemarbeit steht damit an der Schnittstelle zwischen Körpertherapie, Psychotherapie und den Grenzerfahrungen des Bewusstseins, die auf dieser Seite gesondert behandelt werden. Wer die Methode über ein Wochenende hinaus vertiefen will, findet die Angebote im Bereich Retreats und Ausbildung.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Breathwork und Atemtherapie?

Atemtherapie ist ein etabliertes Verfahren mit Ausbildungsstandards, das bei Atemwegserkrankungen, Stress und psychosomatischen Beschwerden eingesetzt wird und teilweise von Krankenkassen bezuschusst wird. Breathwork ist ein Marketingbegriff für intensive, oft beschleunigte Atemtechniken aus dem Coaching- und Wellnessbereich ohne einheitliche Ausbildung.

Ist intensives Atmen gefährlich?

Beschleunigtes Atmen senkt den Kohlendioxidgehalt im Blut (Hyperventilation) und kann Kribbeln, Muskelkrämpfe, Schwindel und kurze Bewusstseinsstörungen auslösen. Für gesunde Menschen unter Anleitung ist das meist unproblematisch. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, Schwangerschaft, Glaukom und psychischen Erkrankungen sollte man auf intensive Techniken verzichten.

Kann ich Atemarbeit allein zu Hause machen?

Sanfte Techniken wie verlängertes Ausatmen, Boxatmung oder die 4-7-8-Methode ja. Intensive Formen wie Holotropes Atmen oder Rebirthing gehören in begleitete Gruppen mit ausgebildeter Leitung.

Quellen

  • Grof, Stanislav; Grof, Christina: Holotropes Atmen. Eine neue Methode der Selbsterforschung und Therapie. Nachtschatten, Solothurn 2013.
  • Middendorf, Ilse: Der erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. Junfermann, Paderborn 1984.
  • Nestor, James: Breath. Atem. Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens. Piper, München 2021.
  • Fincham, Guy W. et al.: Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials. Scientific Reports 13 (2023).

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